„Jetzt muss ich hier betteln gehen“

alt – arm – allein: Die Rente reicht nicht – Eine 82-Jährige aus Kaiserslautern ist auf Grundsicherung und die Altenhilfe angewiesen

Von Sara Brunn

 Ein halbes Arbeitsleben hat die 82-Jährige in Deutschland geschuftet. Von der Rente leben kann sie trotzdem nicht und ist auf „alt – arm – allein“ angewiesen. Eine Geschichte über Scham und Stolz.

82 Jahre alt ist die Frau, die im ordentlichen hellgrauen Wintermantel am Tisch in der Geschäftsstelle von „alt – arm – allein“ Platz genommen hat. Sauberkeit und dass sie auf sich achtet – auch wenn sie nicht viel Geld hat – ist ihr wichtig. Von ihrer Rente leben – etwas mehr als 730 Euro im Monat – kann sie nicht. Dabei hat sie immer gearbeitet, betont sie, nachdem sie 1986 aus Oberschlesien nach Kaiserslautern gekommen ist. Es war Winter, der 21. Dezember. „Ich habe hier zum ersten Mal gesehen, dass man auch im Winter Kartoffeln kaufen kann“, berichtet sie.

Durch die Kontakte ihres Sohnes, der bereits hier lebte, fand sie eine Anstellung „bei den Amis“, sie putzte in einem Hotel auf der Vogelweh. Ein hohes Gehalt habe sie nicht bekommen, „aber ich war zufrieden, habe immer gesagt, wenn ich schaffen kann, bleibe ich hier“. Mit der Stelle im Rücken habe sie auch schnell eine Wohnung in der Slevogtstraße gefunden. Deutsch brachte sich die Mutter zweier Söhne selbst bei: „Ich habe in meinen Pausen Romane gelesen und erstmal nichts verstanden. Aber wir haben dieselben Buchstaben in Deutschland und in Polen“, erzählt sie. Also verglich sie, reimte sich Wörter zusammen, wurde hier heimisch.

„Es wurde noch nie Nein gesagt“

Mit 63 Jahren zwang sie eine Bandscheiben-Operation zu einem Jahr Pause, sie wurde verrentet. „Ich bin mit Beginn der Rente in die Grundsicherung gerutscht“, sagt die gebürtige Polin. 229 Euro bekommt sie obendrauf. Die Miete für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung koste allein 420 Euro, mit Kosten für Strom, Gas, einer Seniorenkarte für Bus und Bahn bleibe da nicht allzu viel übrig. „Am Anfang war das schwer“, abhängig vom Staat zu sein, habe sie sehr geschmerzt.

Vor 18 Jahren fand sie den Weg zu „alt – arm – allein“. Leicht gefallen sei ihr das nicht: „Ich habe immer gearbeitet und jetzt muss ich hierher kommen und betteln“, sagt die 82-Jährige. Mal frage sie nach einem Päckchen Kaffee, mal sind es die normalen Lebensmittel, die ihr die Altenhilfe bezahlt, wenn sie die Rechnungen vorlegt. „Es wurde noch nie Nein gesagt“, etwa einmal im Monat kommt sie vorbei. „Es ist eine große Hilfe“, sagt sie. Allzu gern spricht sie nicht über ihr Leben, „ich schäme mich“, denn sie habe nie anderen auf der Tasche liegen wollen. Auch von ihren Kindern wolle sie kein Geld, das käme ihr nicht richtig vor, erzählt die Frau.

Große Dankbarkeit für vielfältige Hilfe

„Es ist gut, dass es das hier gibt“, sagt sie und meint damit die Geschäftsstelle von „alt – arm – allein“ und die vielen Ehrenamtlichen. Große Sprünge kann sich die 82-Jährige nicht erlauben. Wie oft hat sie die Möglichkeit, Kleidung kaufen zu gehen? „Das mache ich eigentlich nie. Aber ich brauche nichts Neues. Ich habe zum Beispiel den Mantel von hier“, sagt sie. Bevor sie ein Kleidungsstück aussortiert, etwas Neues kauft, flickt sie es. Eines ist ihr wichtig, erzählt sie mit Stolz in der Stimme: Sauberkeit, Hygiene. „Es ist nicht wichtig, ob die Kleidung, die jemand trägt, teuer ist, solange sie sauber ist und man nicht stinkt“, sagt sie mit Nachdruck. Denn das sei keine Frage des Geldes. Sie ärgere sich, wenn sie Menschen begegne, denen das egal sei, die sich aber etwas auf ihren vermeintlichen Reichtum einbildeten.

„Ich habe bei alt – arm – allein auch eine Waschmaschine bekommen als meine kaputt war und einen neuen Staubsauger“, erzählt sie. Das Weihnachtspaket, das sie vor einigen Tagen von der Altenhilfe erhalten hat, sei eine schöne Überraschung gewesen. Schokolade, ein großes Glas Honig, aber auch Kaffee und eine Tüte mit Gebäck seien darin gewesen – Dinge, die sie sich nicht jeden Tag leiste. Hat sie einen Wunsch für Weihnachten? „Ich habe keine, ich kann es mir ohnehin nicht leisten. Aber das ist okay“, erzählt sie. Jammern will die 82-Jährige nicht. „Ich habe tolle Kinder, die sich um mich kümmern und die ich besuche, Enkel und sogar einen Urenkel. Mir geht es gut. Ich habe keinen Hunger. Das ist schon in Ordnung so“, sagt sie.

Quelle: DIE RHEINPFALZ, Ausgabe Pfälzische Volkszeitung vom Montag, 15. Dezember 2025

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